Die Zahl der Menschen mit Multipler Sklerose hat sich in Deutschland innerhalb von vier Dekaden verdoppelt. Neben einer höheren Lebenserwartung sind wohl diverse Umweltfaktoren für die steigende Prävalenz relevant.

MAINZ. Noch immer geistert die Zahl von 120.000 Patienten mit Multipler Sklerose (MS) durch deutsche Statistiken.

Dass diese rund 40 Jahre alten Daten basierend auf einer Erhebung in Niedersachsen nicht oder nicht mehr stimmen könnten, sei eigentlich jedem MS-Experten klar, sagte Professor Volker Limmroth vom Klinikum der Stadt Köln.

Bei der Fortbildungsveranstaltung Neuro Update in Mainz erinnerte der Neurologe an aktuelle Statistiken aus Italien und Norwegen.

So wurden in Italien je nach Region 230 bis 300 MS-Kranke, in Norwegen rund 210 pro 100.000 Einwohner gezählt. Bei einer vergleichbaren Prävalenz müssten in Deutschland zwischen 170.000 und 240.000 Menschen mit MS leben.

Auf solche Zahlen deutet nun auch der im Dezember aktualisierte Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung. Danach wurden im Jahr 2015 insgesamt 223.000 gesetzlich Versicherte aufgrund einer MS behandelt.

Rechnet man mit einer ähnlichen Prävalenz bei Privatversicherten, komme eine Zahl von 240.000 MS-Kranken zustande – das sind doppelt so viele wie vor kurzem noch angenommen.

Der Versorgungsatlas vermerkt zudem einen Anstieg der Zahlen von 29 Prozent in nur sechs Jahren. Auffällig sind auch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland.

Die MS-Inzidenz ist im Westen mit 19 versus 15 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner um etwa ein Viertel höher als im Osten.

Bessere Diagnostik, wirksamere Therapie

Als Gründe für die steigende MS-Prävalenz nannte Limmroth eine bessere Diagnostik und eine wirksamere Therapie. So hätten MS-Kranke heute eine höhere Lebenserwartung als noch vor drei oder vier Dekaden. Darauf deuteten nicht zuletzt große Registeranalysen aus Skandinavien.

Allerdings steige nicht nur die Prävalenz, sondern auch die Inzidenz. Die Ursachen dafür seien weitgehend unklar. Limmroth verwies auf die Zunahme von Autoimmunerkrankungen insgesamt, diese gehe mit einem Rückgang schwerer Infekte einher. Vielleicht gebe es hier einen Zusammenhang.

Etwas deutlicher wurde in den vergangenen Jahren die Verbindung mit Vitamin D. So konnte eine dänische Studie zeigen, dass Kinder mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln bei der Geburt später doppelt so häufig an MS erkranken wie Kinder mit normalen Werten.

Eine finnische Studie hat nun erneut einen Zusammenhang zwischen erhöhtem MS-Risiko bei niedrigen Vitamin-D-Werten bestätigt (Neurology 2017, 89: 1578-1583).

Dazu hatten Forscher Blutproben von rund 1100 Frauen mit MS analysiert. Die Blutproben waren ihnen routinemäßig während der Schwangerschaft entnommen und eingefroren worden.

Alle Frauen hatten zu diesem Zeitpunkt noch keine MS – diese wurde im Schnitt erst zehn Jahre nach der Blutentnahme diagnostiziert. Wie sich zeigte, hatten Frauen mit MS Jahre vor der Diagnose etwas niedrigere Vitamin-D-Spiegel als solche, die nicht erkrankten.

Für jede Erhöhung der Vitamin-D-Spiegel um 50 nmol/l ergibt sich aus diesen Daten eine Reduktion der MS-Gefahr um 39 Prozent. Frauen mit Vitamin-D-Spiegeln unter 30 nmol/l erkranken zudem um 43 Prozent häufiger an MS als solche mit Werten über 50 nmol/l, und Frauen unter 27 nmol/l tragen ein rund 60 Prozent höheres MS-Risiko.

Rauchen schwächt Interferontherapie

„Die Rolle von Vitamin D wird damit immer klarer“, so Limmroth. Pathophysiologisch erscheine es jedoch unwahrscheinlich, dass der Effekt von Vitamin D MS-spezifisch sei.

„Interessant wären daher die gleichen Untersuchungen auch bei anderen Autoimmunerkrankungen.“

Gut belegt ist inzwischen die bessere Wirksamkeit von Interferonen bei höheren Vitamin-D-Spiegeln, dagegen scheint Rauchen die Interferonwirkung zu schwächen. Limmroth verwies auf die Analyse einer dänischen MS-Datenbank mit 834 Interferon-beta-behandelten Patienten (Neurology 2018; online 17. Januar).

Die Schubrate war bei den Rauchern um 20 Prozent erhöht. Sie steigt nach diesen Angaben um 27 Prozent pro Packung täglich gerauchter Zigaretten.

In der Studie wurde auch nach genetischen Risikofaktoren geschaut. Die Forscher fanden jedoch keine genetisch bedingt erhöhte Schubrate unter Rauchern. „Rauchen hat eine besondere Bedeutung für MS-Patienten und sollte in jedem Fall vermieden werden“, so Limmroth.

Die Daten seien mittlerweile so eindeutig, dass Ärzte MS-Kranken unbedingt einen Rauchstopp empfehlen sollten.

Rauchen sorge nicht nur als vaskulärer Risikofaktor in vorgeschädigten Arealen für eine schnellere MS-Progression, sondern begünstige auch eine schlechtere Wirkung von Immunmodulatoren und damit mehr Schübe.

Quelle: Thomas Müller @ Ärztezeitung.de, 30.03.2018